Positionspapier der AG ÖJT zur Jugend(-verbands)arbeit in Zeiten der Corona-Pandemie (und danach)

Die AG ÖJT, in der der Stadtjugendring Eisenach e.V. den Vorsitz inne hat, veröffentlichte ein Positionspapier zur Jugend(verbands-)arbeit in Zeiten der Corona-Pandemie (und danach).


In den letzten Wochen sind seitens des Landes und des Bundes verschiedene Maßnahmen zur Eindämmung der Ausbreitung von Covid-19 beschlossen worden. Wir als Thüringer Jugendringe, im Zusammenschluss als AG ÖJT (Arbeitsgemeinschaft Örtlicher Jugendringe Thüringens), befürworten ein entschlossenes Handeln gegen Covid-19 auf politischer Ebene.
Dennoch blicken wir mit großer Sorge auf die Bedeutungen und Auswirkungen der getroffenen Entscheidungen für das soziale Leben in Thüringen, der in Deutschland lebenden Menschen, der Jugendverbände und der gesamten Jugendarbeit.

Die AG ÖJT, im Namen aller Thüringer Jugendringe und deren Mitgliedsverbänden, nehmen die aktuelle Situation und unsere gesellschaftliche Verantwortung sehr ernst und wollen deshalb Stellung beziehen.

Nach dem Verbot aller Zusammenkünfte von Vereinen und größeren
Menschenansammlungen, ist der überwiegende Teil der üblichen Arbeit unserer Mitgliedsverbände, sowie der Jugendarbeit zum Erliegen gekommen. Spielplätze, Schulen und Kinderbetreuungseinrichtungen wurden aufgrund möglicher Infektionsrisiken geschlossen.
Die dadurch entstandene soziale Isolation traf Kinder und Jugendliche besonders hart, denn die Isolation im häuslichen Umfeld bedeutet, dass die Belastungssituation der Familien drastisch steigt. Gerade auch, weil sich die oft ohnehin schon prekären Verhältnisse für benachteiligte Bevölkerungsgruppen durch die Isolation, durch Corona bedingte Jobverluste oder Verdienstausfälle mit einhergehenden Existenzängsten, noch einmal verschärft.
Den Heranwachsenden fehlen dann wichtige soziale Kontakte zu Gleichaltrigen, förderbedürftige junge Menschen müssen auf wichtige Unterstützung verzichten und insbesondere junge Menschen, die in schwierigen familiären Verhältnissen leben, sind dann
besonders gefährdet.

Kinder und Jugendliche haben durch die Schließungen der Jugendeinrichtungen keine Möglichkeiten mehr in ihre selbstorganisierten Räume der Jugendverbandsarbeit oder ihren sozialen Netzwerken auszuweichen und ihre Interessen frei auszuleben. Sie sind allein auf
Online-Angebote angewiesen. Was voraussetzt, dass es Onlineangebote überhaupt gibt. Wir, bzw. die Jugendverbände und Mitarbeitenden in Jugendeinrichtungen, bieten diese Angebote an! Alle Jugendverbände und Mitarbeiter in der Jugendhilfe waren und sind weiterhin bestrebt, ihre Arbeit, so gut es geht zu digitalisieren und online weiterhin Gruppenstunden, Spieleabende und Workshops anzubieten. Oder einfach nur ein Ansprechpartner zu sein und ein offenes Ohr zu haben. So werden, zumindest auf digitalem Wege, weiterhin Freiräume
ermöglicht. Doch nicht allen Jugendverbänden gelingt die Umstellung vom physischen zum digitalen Angebot. Hier stehen oftmals nicht nur fehlende Technik einer Umsetzung entgegen, sondern bereits die fehlenden ehrenamtlichen Helfer*innen und vor allem auch das Geld.
Jedoch, und da sind sich die Jugendringe in Thüringen genauso einig und bewusst, wie die Jugendverbände und alle anderen Jugendeinrichtungen auch: eine Digitalisierung unserer Arbeit ist unausweichlich: auch wenn die Lockerungen die Wiederaufnahme der Jugendarbeit ermöglichen, werden digitale Angebote nicht mehr wegzudenken sein. Hier sehen wir einen
Konflikt zwischen Notwendigkeit und Umsetzbarkeit, den es unbedingt anzusehen gilt! Ein Konflikt sehen wir auch darin, dass nicht alle Kinder und Jugendliche einen Zugang zu Online-Angeboten haben!

Wir bedanken uns an dieser Stelle beim Ministerium für Bildung, Jugend und Sport und der Landesregierung, dass die Mittel der Örtlichen Jugendförderung und der Schulsozialarbeit den
Kommunen weiter in vollem Umfang zur Verfügung gestellt wurden. Aber es ist klar, dass es einen größeren Finanzbedarf durch die Corona-Pandemie und der damit verbundenen
Digitalisierung gibt, als Finanzmittel zur Verfügung stehen. Ebenso zeichnet sich ab, dass Gelder in der Jugendarbeit eingespart werden sollen, um das durch Corona verursachte Finanzloch zu schließen oder zu minimieren. Doch wir fordern, dass die Krise finanziell nicht
zum Nachteil junger Menschen werden darf! Die Jugendarbeit ist wichtig, ist von jungen Menschen gefragt und muss erhalten bleiben!

Die Pandemie hat uns auch noch einmal deutlich vor Augen geführt, dass unsere Zielgruppen über keine gesellschaftliche Lobby verfügen. Die Interessen von Kindern, Jugendlichen und jungen Menschen haben in den vergangenen Monaten der Krise in politischen Gesprächen und Entscheidungen keine oder eine nur sehr untergeordnete Rolle gespielt. Auch wenn jetzt erste Lockerungen vereinzelt wieder Freiräume und Beteiligungen dieser Menschen möglich sind, fehlt es zum Teil an Perspektiven, sicheren und einheitlichen Aussagen und
Beteiligungsmöglichkeiten an entscheidenden Stellen. Das sehen wir insbesondere kritisch, sollte es zu einer zweiten Welle kommen. Wir befürchten, dass auch dann wirtschaftliche Interessen zuerst bedient werden, während die Frage nach sozialer und demokratischer
Beteiligung junger Menschen benachteiligt behandelt wird.
Wir bitten daher darum, dass Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mehr in den Blick genommen werden! Fürs Erste gilt, dass sie vor allem ihre außerschulischen Freiräume wieder schnell und in vollem Umfang nutzen können müssen. Denn durch die Corona-Pandemie haben sie schwerwiegende Eingriffe in ihren Lebensalltag erhalten.
Perspektivisch aber sollte es das Ziel Aller in unserer Gesellschaft sein, die Förderung und Teilhabe im Sinne der Kinderrechte zu garantieren. Im Interesse der jungen Menschen müssen, für eine vielfältige demokratische Gesellschaft, aber auch die Werkzeuge dafür schnell wieder nutzbar sein bzw. dann auf digitalem Wege nutzbar gemacht werden.

Wir wollen unsere ganze Energie dafür einsetzen, die Sozialstrukturen, in denen junge Menschen sich selbst organisieren, die sie gemeinschaftlich gestalten und in denen sie Verantwortung übernehmen, verfügbar zu halten und weiter zu entwickeln. Damit wir weiterhin diese Arbeit leisten können, ist es wichtig, dass die verschiedenen Förderungen
unserer Arbeit kontinuierlich gesichert sind. Dies fordern wir nicht nur für die Jugendringe, sondern insbesondere auch für alle Jugendverbände und alle Einrichtungen in der Jugendarbeit! Dies fordern wir im Sinne der Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, welche die Zukunft unserer Gesellschaft und des Landes sind.


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